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Betreff: Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus durch die Verlegung von "Stolpersteinen"
Status:öffentlichVorlage-Art:Beschlussvorlage SmartDoc
Federführend:41-Fachbereich Kultur   
Beratungsfolge:
Ausschuss für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschuss Stadthalle Vorberatung
22.08.2013 
14. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschusses der Stadthalle (offen)   
Rat Entscheidung
13.09.2013 
17. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Rates der Stadt Göttingen ungeändert beschlossen   

Beschlussvorschlag
Sachverhalt
Finanzielle Auswirkungen
Anlage/n

Beschlussvorschlag:

Beschlussvorschlag:

 

Der Rat der Stadt Göttingen begrüßt und unterstützt die Verlegung von Stolpersteinen in Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus auf öffentlichen Flächen, sofern  Nachfahren und Angehörige der Opfer zustimmen.

 

Begründung:

Begründung:

 

Zwischen der Jüdischen Gemeinde Göttingen, der Jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V. und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e.V.  besteht nunmehr Einvernehmen darüber, auch in Göttingen Stolpersteine zu verlegen, wenn die jeweiligen Nachfahren und Angehörigen dem zustimmen. Für diesen Fall hat die Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V. ihre bisherige ablehnende Haltung zur Verlegung von Stolpersteinen aufgegeben.

 

Das Thema Stolpersteine wurde im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft bereits im Jahr 2002 behandelt. Auf Anregung der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit       (Antrag auf Genehmigung zur Durchführung des Projektes vom 6.8.2002) stellte die SPD Ratsfraktion am 6.9.2002 einen Antrag für die Sitzung des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft am 19.6.2002 (Top 5).

 

Die Verwaltung schlug vor, das Projekt zu genehmigen, wenn u. a. "alle in Göttingen ansässigen Vereine/Institutionen jüdischer Bürgerinnen und Bürger zustimmen würden."

In der Ausschusssitzung am 19.6.2002 wurde der Antrag auf Bitte der SPD-Fraktion wegen des noch bestehenden Klärungsbedarfs zurückgestellt.

 

Hintergrund für die Zurückstellung waren ausweislich eines Artikels im GT 24.10.2002 Differenzen zwischen der dem Projekt grundsätzlich zustimmenden Jüdischen Gemeinde Göttingen e. V. und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e. V. auf der einen und dem Jüdischen Lehrhaus Göttingen auf der anderen Seite.

 

Hauptargument der Projektgegner war, dass die Namen vieler jüdischer Personen den Namen Gottes enthalten würden und dieser nicht mit Füßen betreten werden dürfe. In der Vergangenheit konnte eine Übereinstimmung in Göttingen hierzu nicht erzielt werden, weshalb die Verwaltung bisher von dem Projekt Stolpersteine Abstand genommen hatte.

 

Auf Privatinitiative der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Bonifatius Schule wurde im Jahr 2012 der erste Stolperstein in Göttingen verlegt. Dem ging ein einstimmiger Beschluss der betreffenden Haus- und Eigentümergemeinschaft voraus, an die frühere Bewohnerin und Eigentümerin der Immobilie Bühlstraße 4,  Hedwig Steinberg, zu erinnern. Hedwig Steinberg wurde 1942 in das Sammellager Hannover-Ahlem deportiert, von dort weiter nach Theresienstadt und schließlich nach Minsk verbracht, wo sich ihre Spur verliert.

 

Aufgrund dieser Initiative gab es verschiedene Anfragen und Anregungen von Bürgern und Bürgerinnen sowie von Nachfahren jüdischer Opfer, die sich nach dem Modus der Verlegung von Stolpersteinen in Göttingen erkundigt haben. Dazu gehörten auch Anfragen von Kindern und Enkeln jüdischer Familien aus Göttingen, die einen Stolperstein zur Erinnerung an ihre Vorfahren konkret verlegen wollten.

 

Aus diesem Grund hat sich die Kulturverwaltung erneut mit diesem Projekt auseinandergesetzt.  Dazu gehörte in 2012 eine erneute Anfrage an die Jüdische Gemeinde Göttingen, an die jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V. und an die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e.V.  mit der Bitte um eine inhaltliche Stellungnahme der Gemeinden resp. des Vereins zum Projekt Stolpersteine. Darüber hinaus wurde auch eine Stellungnahme aus Sicht  jüdischer Gelehrter erbeten.

 

Die Kulturverwaltung schlug vor, nur dann eine Verlegung von Stolpersteinen in Göttingen vorzunehmen, wenn Überlebende und Nachkommen dieser Form des Gedenkens ausdrücklich zustimmen würden.

 

Jüdische Gemeinde Göttingen e.V.

In ihrer Stellungnahme vom 2.8.2012 begrüßt die jüdische Gemeinde Göttingen e.V. die Initiative der Stadt Göttingen, Stolpersteine zu verlegen. Sie freut sich darüber, dass die Verantwortlichen dieser Stadt diesen Schritt gehen möchten und unterstützt den Vorgang in jeder Weise.

Hinzugefügt wurde die theologische Stellungnahme von Herrn Rabbiner Dr. Gabor Langyel von der Liberalen jüdischen Gemeinde Hannover e.V. vom 24.7.2012. Der Rabbiner der Liberalen jüdischen Gemeinden in Hannover und Göttingen unterstützt und befürwortet die Verlegung von Stolpersteinen. Unter anderem betont er, dass die Stolpersteine lediglich Erinnerungssteine seien und nicht auf dem Friedhof lägen.  Eine der wichtigsten Grundlagen des jüdischen Glaubens sei der Begriff "Zachor", gedenke und erinnere! Die Stolpersteine hätten diesen Zweck. Zudem müsse  man sich zum Lesen der Inschrift etwas bücken und verneige sich damit nachträglich symbolisch vor den Opfern. (vgl. Anlagen)

 

Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e.V.

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e.V. stellte bereits am 6.8.2002 den Antrag an den Ausschuss für Kultur und Wissenschaft der Stadt Göttingen, auf Genehmigung zur Durchführung des Projektes Stolpersteine vor der Haustür.

 

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen steht noch immer (2012) einstimmig hinter dem Projekt "Stolpersteine in Göttingen" und findet es wichtiger denn je. Je weiter die Ermordung der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger im Nazi-Terror zurückläge,  umso notwendiger sei es, die Erinnerung zur Mahnung wach zu halten.

 

Auch die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen vertritt die Auffassung, dass jeweils die Nachkommen dieser Form des Gedenkens zustimmen müssen. Auch der Gesellschaft lägen bereits einige Schreiben von Überlebenden vor, die die Verlegung von Stolpersteinen in Göttingen befürworten würden. Zudem erklärt die Gesellschaft ihre Bereitschaft zur Mitarbeit an dieser Initiative.

 

Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.

Die Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde Frau Tichauer-Moritz erklärte am 24. August 2012 in einer E-Mail an die Verwaltung, dass sie unter der Voraussetzung damit einverstanden sei, Stolpersteine zu verlegen, wenn Nachkommen der jüdischen Opfer dem zustimmen würden. Ob eine solche Zustimmung wirklich vorläge und ob jemand Nachkomme sei,  müsse durch die Verwaltung geprüft werden. Diese Voraussetzung hatte die Vorsitzende der jüdischen Kultusgemeinde für Göttingen Südniedersachsen e.V. Frau Eva Tichauer-Moritz bereits  in einem Artikel des Göttinger Tageblatts "Weiter Streit um Stolpersteine" am 3.7.2012 genannt.

Die jüdische Kultusgemeinde weist jedoch weiterhin darauf hin, dass sie andere alternative Formen des Gedenkens und der Erinnerungskultur, wie die Aufstellung öffentlicher Stehlen an Straßenzügen, an denen jüdische Familien gelebt haben, befürwortet. Weiterhin  regt sie eine alternative Gestaltung des Stadtplans mit Hinweisen auf die Synagogen und das Mahnmal der Synagoge an.

 

Die Organisation der Verlegung der Stolpersteine wird von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e.V. übernommen. Bei der Gesellschaft werden Spenden für Stolpersteine verwaltet, um die Finanzierung sicher zu stellen. Die Betreuung der Stolpersteine soll durch Patenschaften organisiert werden. Die ‚Paten’ finanzieren den Stein (ca. 120 €) und versuchen, möglichst viele biografische Angaben zu den Opfern zu ermitteln. Patenschaften können von Privatpersonen, Institutionen, Ausbildungsstätten, Firmen und Vereinen oder Parteien übernommen werden.

 

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e. V. wird, um historisch möglichst präzise Ergebnisse erreichen zu können, mit dem Stadtarchiv und den Vereinen und Persönlichkeiten, die sich in Stadt und Region der Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus verpflichtet haben, eng zusammenarbeiten und wird sich mit ihnen vernetzen.

 

Die Stadt Göttingen ist behilflich bei der Recherche-Arbeit und bei den erforderlichen Genehmigungsverfahren.

 

Zum Projekt:

"Auf dem Stolperstein bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält einen eigenen Stein - seine Identität und sein Schicksal sind, soweit bekannt, ablesbar. Durch den Gedenkstein vor seinem Haus wird die Erinnerung an diesen Menschen in unseren Alltag geholt. Jeder persönliche Stein symbolisiert auch die Gesamtheit der Opfer, denn alle eigentlich nötigen Steine kann man nicht verlegen." (Gunter Demnig)

 

Seit 1995 erinnert der Kölner Künstler Gunter Demnig mit seinem Projekt STOLPERSTEINE durch kleine Gedenksteine an Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, an die von den Nationalsozialisten verfolgten, vertriebenen, deportierten und ermordeten Menschen vor deren früheren Wohnorten. Stolpersteine sind Betonwürfel im Format 10 x 10 x 10 cm, die auf ihrer Oberseite mit einer Messingplatte versehen sind, auf der die Lebensdaten eines Opfers eingraviert werden. Vor dem letzten frei gewählten Wohnort eines solchen Betroffenen wird eine Messingplatte mit dem Namen sowie einigen wenigen Angaben zur Person im Straßenpflaster eingelassen.

 

Das Projekt STOLPERSTEINE wird heute in circa 1000 Orten mit über 40.000 verlegten Steinen realisiert. STOLPERSTEINE liegen in mehreren Orten in Österreich, Ungarn, in den Niederlanden, Belgien, Tschechien, sowie auch in Polen, Slowenien, Italien, Norwegen, in der Ukraine, der Slowakei und Luxemburg. In 2013 werden auch Stolpersteine in Russland, Frankreich und Kroatien verlegt.

Finanzielle Auswirkungen:

 

keine

Anlagen:

Anlagen:

 

Schreiben der Jüdischen Gemeinde Göttingen e. V. vom 02.08.12, der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover e. V. vom 24.07.12 und der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen e. V. vom 05.09.12

 

Anlagen:  
  Nr. Status Name    
Anlage 1 1 öffentlich Antwortschreiben JG, LJGH, GCJZ (369 KB)      
 
 

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