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Betreff: Straßenbenennungen im Wohnquartier "Grüne Mitte Ebertal"
Status:öffentlichVorlage-Art:Beschlussvorlage/sonstige Vorlage
Federführend:61-Fachbereich Planung, Bauordnung und Vermessung Beteiligt:02-Gleichstellungsbeauftragte
    37-Fachbereich Feuerwehr
   41-Fachbereich Kultur
   Städtische Wohnungsbau Göttingen GmbH
Beratungsfolge:
Ausschuss für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschuss Stadthalle Anhörung
16.02.2021 
34. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschusses der Stadthalle (offen)   
Rat Entscheidung
12.03.2021 
34. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Rates der Stadt Göttingen zurückgezogen   
Rat
16.04.2021 
35. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Rates der Stadt Göttingen ungeändert beschlossen   

Beschlussvorschlag
Sachverhalt
Finanzielle Auswirkungen
Anlage/n

Beschlussvorschlag:

 

Die in der Anlage dargestellten neuen Erschließungsstraßen, Erschließungswege und der Quartiersplatz im Wohnquartier „Grüne Mitte Ebertal“ werden gemäß der kartographischen Vorlage benannt in:

 

Marie-Luise-Ahrens-Weg

Henriette-Lehmann-Straße

Edith-Scheithauer-Weg

Meta-Kamp-Steinmann-Straße

Luise-Stegen-Weg

Margit-Göbel-Weg

Elisabeth-Selbert-Platz

Begründung:

 

In seiner nunmehr über 100-jährigen Geschichte zeichnet die Wohnbebauung im Ebertal unter anderem ein Abbild der wechselhaften Geschichte verfolgter und sozial benachteiligter Menschen nach. Der soziale Wohnungsbau der 60 Jahre des 20. Jahrhunderts brachte hier erstmals eine deutliche Verbesserung der Wohnsituation in dem Quartier. Heute steht mit dem umfangreichen Neubauvorhaben der Städtischen Wohnungsbau GmbH ein erneuter Umbruch und eine merkliche Modernisierung der Wohn- und Lebensverhältnisse an.

 

Die Heeresverwaltung errichtete zu Beginn des 1. Weltkrieges (September/Oktober 1914) ein Kriegsgefangenenlager in Göttingen wo bereits im Oktober desselben Jahres die ersten Gefangenen eintrafen. Am 15. April 1915 erfolgte die offizielle Einweihung. Es war eines von 175 Stammlagern für ausländische Kriegsgefangene im Deutschen Reich. In 89 Baracken wurden bis zu 10.000 Gefangene untergebracht woraufhin eine Erweiterung erforderlich war und durchgeführt wurde.

 

Das Lager erhielt zunächst eigenes Lagergeld sowie eine eigene Postverwaltung samt Lagerzeitung, die auch von den Gefangenen in die Heimat gesandt werden konnte. Nicht zuletzt durch das eingerichtete kleine Warenhaus Ende 1917, entwickelte sich das Lager mehr und mehr zu einer Art Dorf. Nach Kriegsende wurde das Lager als Durchgangslager für Heimkehrer bis mind. 1920 genutzt und schließlich für wohnungssuchende Menschen, vor allem kinderreichen Familien, zu einer Heimat. Für den Ausbau weiterer Wohnungen in der Baracken-Kolonie bewilligten die städtischen Kollegien am 10.12.1920 mehrere Millionen Mark. Den Charakter einer eigenständigen Dorfgemeinschaft behielt das Ebertal bei. So siedelten sich neue Läden, Schuster oder Ärzte an.

 

In den sechziger Jahren wichen die Baracken der Neubausiedlung des städtischen Wohnungsbaus. Richtfest der ersten vier Wohnblöcke war am 22.11.1963. So konnte der damaligen Wohnungsnot entgegengewirkt werden. Und bereits ab 2019 setzte die nächste Umwandlung des Quartiers durch das ehrgeizige Projekt der Städtischen Wohnungsbau GmbH ein.

 

Im Rahmen der Neugestaltung des Gebietes wird die Erschließung kleinteiliger werden. Es entstehen hier neue Straßen und Wege und ein Platz im Norden des Areals.

 

Die Verwendung von politisch in Göttingen aktiven Frauen, die sich um Gemeinwohl, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit über den Zeitbogen der letzten 100 Jahre verdient gemacht haben, ist ein passendes Gesamtthema für die sechs neu zu benennenden Straßen und Wege und eine Platzbenennung (in der Kartenanlage mit 7 gekennzeichnet) im Zuge der Umgestaltung des Quartiers.

 

 

Der Bogen wird dabei gespannt über

 

Frau Henriette Lehmann geb. Straßmann (1862 - 1937), die während des ersten Weltkrieges die Göttinger Abteilung des Nationalen Frauendienst (NFD) innerhalb des Vaterländischen Kriegshilfsdienstes leitete und 1919 zu den ersten Frauen gehörte, die in das Bürgervorsteherkollegium der Stadt Göttingen gewählt wurden. Sie wurde auch aufgrund Ihrer jüdischen Abstammung in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und nahm sich 1937 das Leben.

 

Frau Luise Stegen geb. Lottmann (1871 - 1953), die ebenfalls 1919 zu den ersten Frauen gehörte, die in das Bürgervorsteherkollegium der Stadt Göttingen gewählt wurden. Sie wurde 1920 Vorsitzende des inoffiziellen Ausschusses für Arbeiterwohlfahrt und 1922 Vorsitzende der Frauenkommission des SPD Ortsvereins. 1924 übernahm sie die Leitung des Frauentages des SPD-Unterbezirks.

 

Frau Meta Kamp-Steinmann, geb. Wahle (1907 - 1999), die zu der Generation von Göttinger Frauen gehörte, die in der Weimarer Republik aufwuchsen. Sie verwaltete gemeinsam mit ihrem Mann ab 1927 das Naturfreundehaus am Steinberg im Kaufunger Wald, kehrte jedoch später mit ihren drei Kindern nach Göttingen zurück. Im Sommer und Herbst 1943 und im Sommer 1944 versteckte Meta Kamp-Steinmann gemeinsam mit Hedwig Gerke die junge, untergetauchte Jüdin Marianne Strauß einige Wochen in ihren Wohnungen in Göttingen. Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches engagierte sie sich in der SPD, leitete die SPD-Frauengruppe Göttingen und war von 1956 - 1964 Mitglied im Stadtrat Göttingen. 2004 wurde Meta Kamp-Steinmann zusammen mit Hedwig Gerke von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem posthum als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt.

 

Frau Dr. Martha Elisabeth Selbert, geb. Rhode (1896 - 1986) war eine deutsche Politikerin und Juristin und als SPD-Abgeordnete im Parlamentarischen Rat 1948/49 eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“. Die Aufnahme der Gleichberechtigung in den Grundrechteteil der bundesdeutschen Verfassung war zum großen Teil ihr Verdienst. Sie studierte zunächst an der Universität Marburg als einzige Frau Rechts- und Staatswissenschaften wechselte kurz darauf aber an die Universität Göttingen. Hier war sie unter den etwa 300 Studierenden eine von fünf Frauen.

 

Frau Dr. Marie-Luise Ahrens (1936 - 1994) studierte und promovierte in der physikalischen Wissenschaft und arbeitete am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, Göttingen. 1963 trat sie in die SPD ein und übernahm den stellvertretenden Vorsitz des Stadtbezirks Leineberg. 1986 erfolgte die Wahl in den Rat der Stadt Göttingen. Ab November 1986 gehörte Dr. Marie-Luise Ahrens als erste Frau in Göttingens Geschichte als zweite Bürgermeisterin dem damaligen Ratspräsidium an.

 

Frau Dr. Edith Scheithauer, geb. Manneck (1925 - 2013) studierte Germanistik und Geschichte in Jena und Leipzig, promovierte 1955 in Leipzig und wurde später Gymnasiallehrerin. 1964 ließ sie sich vom Corvinianum in Northeim zum Hainberg Gymnasium Göttingen versetzen. Ab 1982 engagierte sich Edith Scheithauer als Mitglied der CDU in der Göttinger Kommunalpolitik hier insbesondere in der Schul- und Kulturpolitik. 1986 wurde Sie in den Rat der Stadt Göttingen gewählt. Ab 1991 bis zu ihrem Mandatsverzicht im Jahre 2000 bekleidete Edith Scheithauer den Posten als erste Bürgermeisterin. Insbesondere in den letzten Jahren ihrer Ratsarbeit hat sie sich zunehmend für frauenpolitische Themen engagiert.

 

Frau Margit Göbel (1963 - 2015) war die erste Frau die den Vorsitz einer Stadtratsfraktion (Bündnis 90/Die Grünen) im Rat der Stadt Göttingen übernahm. Die Diplom-Biologin aus Aschaffenburg engagierte sich seit den 1990er-Jahren für Grüne Politik. Ihre politischen Schwerpunkte lagen im Bereich Umweltschutz und Gleichstellung von Frauen und Männern. 1996 wurde sie in den Rat der Stadt gewählt und im Jahr 2000 übernahm sie den Fraktionsvorsitz. 2003 legte Göbel ihr Mandat nieder und wurde persönliche Mitarbeiterin der Europaabgeordneten Rebecca Harms in Brüssel. Zurück in Göttingen wurde Frau Göbel, 2011 erneut in den Rat der Stadt Göttingen gewählt und war trotz schwerer Krankheit bis zu ihrem Tod hier politisch aktiv.

 

Mit der Auswahl dieser sechs Frauen wird der Weg zur Gleichberechtigung auch im lokalen parlamentarischen Umfeld verdeutlicht und gleichzeitig das besondere soziale Engagement dieser Personen gewürdigt. Es wird deutlich, dass es sich nicht um eine einzelne Epoche handelt, in der Frauen die Wegbereiterinnen der Emanzipation waren, sondern dass dieses eine generationenübergreifende Aufgabe ist, die bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Insofern stehen die vorgeschlagenen Namen auch stellvertretend für viele weitere Frauen, die sich in diesem Zusammenhang verdient gemacht haben.

 

Seit 2018 ist Göttingen CEDAW-Modellregion mit dem Schwerpunkt „Politische Partizipation von Frauen“. 

 

 

Eine Umadressierung von Bestandswohnungen ist im Zuge dieser Benennung nicht geplant. Vielmehr soll die Umsetzung der zukünftigen Adressen sukzessive mit dem Baufortschritt erfolgen. Damit kann verhindert werden, dass Bewohnerinnen und Bewohner mehrfach einen Adresswechsel haben.

 

 

 

 

 

Sonstige Quellen:

https://www.goettingen.de/ebertal.html

http://stadtarchiv.goettingen.de/frames/fr_chronik.htm

http://www.blick-zeitung.de/2018/07/24/neuer-film-ueber-das-ebertal-und-seine-bewohner/

http://www.briefmarkensammler-verein-goettingen.de/Fachartikel/Kriegsgefangenlager_Goettingen.pdf

https://museum.goettingen.de/privilegien-und-propaganda-kriegsgefangene-im-deutschen-reich/

http://www.awo-goettingen.de/awo-goettingen/node/387

https://www.goettinger-tageblatt.de/Thema/Specials/Goettinger-Zeitreise/Die-Baracken-sahen-aber-nur-von-aussen-schaebig-aus

https://www.goettinger-tageblatt.de/Die-Region/Goettingen/Ebertal-Umbau-geht-los-erster-Neubau-wird-errichtet

„Das Kriegsgefangenenlager Ebertal als Zentrum flämischer Propaganda im 1.Weltkrieg“ von Rainer Pöppinghäge

Finanzielle Auswirkungen:

 

 Nein

 

X diverse Straßennamenschilder (genaue Anzahl der Schilder kann heute noch nicht bestimmt werden)

 

Anlagen:

 

Kartenauszug

Kurzbiographien des Stadtarchivs

Anlagen:  
  Nr. Status Name    
Anlage 1 1 öffentlich Lönsweg_Namen_Nummern_neu (1415 KB)      
Anlage 2 2 öffentlich Kurzbiographie des Stadtarchivs (119 KB)      
 
 

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