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10. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Rates der Stadt Göttingen
TOP: Ö 10
Gremium: Rat Beschlussart: an Ausschuss verwiesen
Datum: Fr, 16.11.2012 Status: öffentlich/nichtöffentlich
Zeit: 16:00 - 20:55 Anlass: Ordentliche Sitzung
Raum: Ratssaal des Neuen Rathauses, Hiroshimaplatz 1 - 4, 37083 Göttingen
Ort:
B' 90/165/12 Antrag der B90/Die Grünen-Ratsfraktion betr. "Einführung anonymisierter Bewerbungen"
   
 
Status:öffentlichVorlage-Art:Beschlussvorlage/sonstige Vorlage
Federführend:Bündnis 90/Die Grünen-Ratsfraktion Beteiligt:11-Fachbereich Personal und Organisation
    Dezernat A - Finanzen, Ordnung und Feuerwehr
 
Wortprotokoll
Abstimmungsergebnis
Beschluss

 

Ratsvorsitzende Frau Bank teilt mit, dass der Verwaltungsausschuss empfohlen habe, den Antrag zur weiteren Beratung in den Personalausschuss zu überweisen.

 

r die Bündnis90/Die Grünen-Ratsfraktion begründet Ratsfrau Valena den Antrag.

Sie erläutert ausführlich, wie ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren durchzuführen sei.

Dabei würden die für eine Auswahl zuständigen Personen zunächst nur Informationen über die fachlichen Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber erhalten. Sämtliche persönliche Informationen wie z.B. Geschlecht, Alter, Familienstand oder Migrationshintergrund sollten für eine erste Sichtung der Unterlagen nicht erkenntlich sein. Dies könne durch „Schwärzen“ der Informationen oder von vornherein mit einem besonderen Onlinebewerbungsformular erreicht werden.

Ende 2010 sei in Deutschland ein Pilotprojekt zur anonymisierten Bewerbung bei sechs großen Arbeitgebern gestartet worden. Die zugehörige Studie stelle fest, dass Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt trotz verbesserter institutioneller Rahmenbedingungen nach wie vor vorhanden sei. So würden z.B. Bewerbungen von Frauen im Alter zwischen 20 und 40 Jahren überdurchschnittlich oft vorher aussortiert, da möglicherweise noch Kinderwünsche bestehen könnten. Alter, Geschlecht und Migrationshintergrund seien leider noch ebensolche Gründe für eine Nichtberücksichtigung wie das Aussehen und ggfls. vorliegende Behinderungen, wenn es darum gehe, Bewerberinnen und Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch einzuladen.

Diese Studie komme auch zu dem Ergebnis, dass die Anonymisierung zumindest bis zum ersten Vorstellungsgespräch für Chancengleichheit sorgen könne, weil dann nur fachliche Qualifikationen zur Auswahl stünden. Dies ermutige auch viele Menschen, überhaupt an einem Auswahlverfahren teilzunehmen. Diese Erfahrungen seien übrigens auch in einigen anderen Ländern gemacht worden, die bereits anonymisierte Verfahren erfolgreich anwenden. In Belgien beispielsweise sei dieses Verfahren in allen Verwaltungen eingeführt worden.

Ratsfrau Valena weist darauf hin, dass sich der hierdurch entstehende, zusätzliche Aufwand in Grenzen halte. So könnten sich z.B. in Celle die Bewerberinnen und Bewerber online anonym melden und müssten erst nach erfolgreicher Auswahl, bei dann stattfindenden Vorstellungsgesprächen, weitere Unterlagen, Zeugnisse und Informationen beibringen.

Wo es mit geringem Aufwand möglich sei, Chancengleichheit zu erreichen, sollte dies auch verfolgt werden.

 

Ratsherr Eilert teilt mit, dass die CDU/FDP-Gruppe einer Überweisung zustimmen werde, auch wenn man das Anliegen anonymisierter Bewerbungen eher skeptisch betrachte.

Es mache wenig Sinn, einen Teil wichtiger Informationen zunächst auszublenden, wenn diese anschließend bei Bewerbungsgesprächen usw. dann doch noch eine Rolle spielen würden.

So sei z.B. die Auswahl von Nachwuchskräften für den Verwaltungsdienst der Stadtverwaltung Hannover anhand eines anonymisierten Verfahrens ausgeschlossen, weil alle Bewerberinnen und Bewerber zu einem Eignungstest eingeladen würden.

Die geforderten Maßnahmen machten nur zusätzliche Arbeit, die mit den Einsparvorgaben - insbesondere im Personalbereich - nicht in Einklang zu bringen seien.

Darüber hinaus sei es auch fraglich, wie man den Frauenanteil nach dem Gleichstellungsgesetz erhöhen wolle, wenn nicht gezielt Frauen auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden sollen. Dies gelte vergleichbarr die Umsetzung des Zieles einer allgemeinen Erhöhung des Beschäftigtenanteils mit Bewerberinnen und Bewerbern mit Migrationshintergrund.

All dies möge aber im Personalausschuss im Detail beraten werden.

 

Ratsherr Akad teilt mit, dass es nach seiner Auffassung nach wie vor so sei, dass aufgrund rassistischer und diskriminierender Vorurteile Bewerberinnen und Bewerber, die z.B. einen nicht Deutsch klingenden Namen trügen, trotz guter Bewerbungsunterlagen schon vorher anders bewertet würden als weitere Interessenten.  

Dies würde u.a. durch eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes belegt, die zeige, dass die Wahrscheinlichkeit der Einstellung einer Bewerberin oder eines Bewerbers mit türkischem Namen in kleineren Unternehmen mit bis zu 50 Angestellten um bis zu 24 Prozent, in größeren Unternehmen noch um rd. 14 Prozent sinken würde.

Auch sei allgemein bekannt, dass Frauen in geringerem Maße eingestellt würden. Wenn doch, dann mit einem bis zu 28 Prozent geringerem Einkommen. r Menschen mit Behinderungen sei diese ebenfalls zutreffend. Vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention sei ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren ein kleiner Schritt in die richtige Richtung. Die Stadt Celle habe bereits erfolgreich an dem angesprochenen Pilotprojekt teilgenommen. Es konnte dabei bewiesen werden, dass die Anonymisierung nachweislich dabei helfe, Diskriminierung abzubauen. Dies würden die Erfahrungen in den anderen Ländern ebenfalls belegen. Auch wenn die GöLINKE-Ratsfraktion die im Antrag vorgeschlagene Testphase nicht für notwendig erachte, werde der Kampf gegen jegliche Form der Diskriminierung unterstützt.

Dem Antrag werde zugestimmt.

 

Ratsherr Gilewski weist darauf hin, dass nach seiner Einschätzung eine anonymisierte Bewerbung nur Information über die jeweilige Qualifikation der Bewerberinnen und Bewerber enthalte. Dies soll eine Diskriminierung von Minderheiten verhindern helfen. Einige Unternehmen hätten - wie bereits angesprochen - dieses Verfahren schon getestet, allerdings ohne eindeutige Ergebnisse zu erzielen.

Die im April des Jahres veröffentlichte Meldung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, wonach die anonymisierte Bewerbung die Diskriminierung reduziere, sei ohne Prüfung von den Medien übernommen worden. Die Anonymisierungsstelle sei begeistert von diesem Pilotprojekt An diesem Pilotprojekt hätten sich 5 große Unternehmen und 3 öffentliche Verwaltung beteiligt. Die dabei aufgestellte These, dass diese Verfahren gegenüber den bisherigen den Vorteil hätten, dass bei einer Auswahl nicht persönliche Faktoren, die nichts mit Fähigkeiten und Kenntnissen zu tun hätten, unberücksichtigt bleiben, sei allerdings noch nicht belegt. Gleichwohl biete das anonymisierte Verfahren trotz eines gewissen Mehraufwandes die Chance, sich als offener Arbeitgeber zu präsentieren.

Bisherige Analysen der Verfahren seien nicht dazu geeignet zu belegen, dass das anonymisierte Bewerbungsverfahren eine Chancengleichheit herstellen könne. Fraglos erreichten diese Bewerbungen jedoch, dass die „erste Strecke auf dem Weg zum neuen Job“r alle Kandidaten gleich bewältigt werden könne.

Bei der Stadt Göttingen gebe es bereits eine guteRichtlinie über das Auswahlverfahren“. Ob aber nun das anonymisierte Auswahlverfahren besser als diese Richtlinien sei, müsse im Fachausschuss ausführlich beraten werden.

Der Überweisung in den Personalausschuss stimme die SPD-Ratsfraktion auf jeden Fall zu.

 

Ratsherr Rieth teilt mit, dass auch er einer Überweisung in den Fachausschuss zustimmen werde um dort über die Ziele usw. beraten zunnen, bevor eventuell schon Aufträge an die Verwaltung erteilt werden.

 

Der Rat beschließt im Anschluss einstimmig, den folgenden Antrag zur weiteren Beratung in den Personalausschuss zu überweisen:

 

Der Rat möge beschließen:

 

1.      Die Verwaltung erarbeitet zur Förderung der Chancengleichheit eine beschlussfähige Vorlage zur Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren für alle Stellenausschreibungen der Stadtverwaltung (Auszubildende, Angestellte, BeamtInnen, Hilfskräfte u.a.). Das anonymisierte Bewerbungsverfahren soll sicher stellen, dass BewerberInnen nur auf Grund ihrer fachlichen Qualifikation zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden, ohne Ansehen ihres Aussehens, ihres Alters, ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung, möglicher körperlicher Beeinträchtigungen und ihres Migrationshintergrundes.

 

2.      Die Durchführung des neuen anonymisierten Bewerbungsverfahrens wird auf zwei Jahre befristet. spätesten drei Monate vor Ablauf dieser Testphase legt die Verwaltung den Ausschüssen eine Evaluation und Bewertung vor, als Grundlage für die politische Entscheidung über die Optimierung und Fortsetzung des Bewerbungsverfahrens über das Ende der Testphase hinaus.

 

3.      Darüber hinaus macht die Stadt ihren Einfluss als Gesellschafterin ihrer städtischen Beteiligungen geltend, um auch dort die Einführung anonymisierter Bewerbungsverfahren anzuregen.“

4.       

 

 
 

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