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16. öffentliche/nichtöffentliche Sitzung des Ausschusses für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschusses der Stadthalle
TOP: Ö 5
Gremium: Ausschuss für Kultur und Wissenschaft/Betriebsausschuss Stadthalle Beschlussart: (offen)
Datum: Do, 20.09.2018 Status: öffentlich/nichtöffentlich
Zeit: 16:32 - 18:33 Anlass: Ordentliche Sitzung
Raum: Sitzungsraum THORN (126), Hiroshimaplatz 1 - 4, 37083 Göttingen (barrierefrei)
Ort:
FB41/0411/18 Konzept Erinnerungskultur an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Göttingen
     
 
Status:öffentlichVorlage-Art:Beschlussvorlage/sonstige Vorlage
Federführend:41-Fachbereich Kultur   
 
Beschluss

Zu diesem Tagesordnungspunkt begrüßt Herr Arndt Herrn Dr. Driever, Autor des mit der Einladung versandten Konzeptentwurfes zurErinnerungskultur an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Göttingen“.

Frau Broistedt verweist in ihrer Einleitung auf die verschiedenen Facetten der Erinnerungskultur und die zahlreichen in Göttingen seit dem Jahr 2000 umgesetzten und in der Verwaltungsvorlage aufgeführten Projekte und Aktivitäten. Ergänzend hierzu verweist sie auf eine im Mai d. J. erfolgte Enthüllung einer von Göttinger Schülerinnen und Schülern erarbeiteten Geschichts- und Erinnerungstafel auf dem Stadtfriedhof sowie eine an der Grabstelle des Wehrmachtsgenerals Friedrich Hoßbach angebrachte Erläuterungstafel, die sich kritisch mit dessen Stellung in der Wehrmacht und im 2. Weltkrieg auseinandersetzt.

Im Zusammenhang mit den Zielen des von Herrn Dr. Driever erarbeiteten Konzeptes führe sie an, insbesondere die Sicher- bzw. Wiederherstellung der Würde der Opfer und Verfolgten des NS-Regimes erreichen zu wollen, die Erinnerung an die Zeit und Verbrechen des Regimes wachzuhalten und eine Sensibilisierung der Bevölkerung gegenüber den Bedrohungen für die demokratische und pluralistische Grundordnung zu erreichen. Dabei solle ein Schwerpunkt auf die bereits bekannten, aber auch die bisher noch nicht so im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Opfergruppen gerichtet werden. Zum Konzept selbst weise sie daraufhin, dass dieses nach Zustimmung der Fraktionen mit den in der Vorlage benannten gesellschaftlichen Gruppen und Personen diskutiert werden soll und sich ggf. hieraus noch Veränderungen im Konzept ergeben könnten. Abschließend erklärt Frau Broistedt, dass das Göttinger Konzept zur Erinnerungskultur eine Besonderheit bei Städten vergleichbarer Größe sei. Grundsätzlich müsse versucht werden, dieses mit Leben zu füllen, auch wenn es nur sukzessive und ggf. nicht alles umgesetzt werden könne.

Nachfolgend stellt Herr Dr. Driever die vier zur Priorisierung vorgeschlagenen Maßnahmen detailliert vor. Im Verlauf seiner Ausführungen verweist er insbesondere darauf, dass in einer Personendatenbank auch - klar getrennt - Akteure und Täter des NS-Regimes namentlich aufgeführt werden sollten und eine Bündelung von Zeitzeugenberichten und eine kontinuierliche Pflege und Aktualisierung der Internetpräsentation erforderlich sei. Darüber hinaus fordere er eine Erweiterung der Forschung auf Opfergruppen wie Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Euthanasieopfer, Homosexuelle und „Asoziale“. Darüber hinaus sollte u. a. versucht werden, die Differenzen in den unterschiedlichen Gräberlisten zu klären und diese z. B. für eine Angehörigensuche online zu stellen.

Weiterhin sollte nach seiner Ansicht eine Kohärenz zwischen den Informationen von Stadt, Universität und den gesellschaftlichen Gruppen hergestellt werden, so dass sich umfassend z. B. über Personen informiert werden könne. 

Herr Beck verweist darauf, dass bei der von ihm und Herrn Dr. Böhme seit vielen Jahren begleiteten systematischen Aufarbeitung in Göttingen viel passiert sei und er danke Herrn Dr. Driever für das vorgelegte Konzept.

Nach Ansicht von Frau Schüle-Rennschuh handele es sich um ein grundsätzlich gutes und stringentes Konzept. Entscheidend sei für sie aber dabei, wie die vorgeschlagenen Maßnahmen anschaulich und erfahrbar gemacht resp. umgesetzt werden können. Dies könne nach ihrer Ansicht insbesondere im Städtischen Museum erfolgen. Dort aber gebe es weder einen Lagerraum noch einen Ausstellungsraum z. B. für die von den Nachfahren der Familie Hahn als Dauerleihgaben überlassenen Möbel und sie befürchte, dass diese ggf. zurückgegeben werden müssen. Stattdessen werde ein Neubau auf dem Albaniplatz vorgeschlagen. Da auch das nicht frei betretbare Stadtarchiv als erlebbarer Raum nicht in Frage komme, fordere sie, die Sanierung des Städtischen Museums fortzusetzen.

Herr Siepmann erklärt, dass er das vorgestellte Konzept begrüße. Auf seine Nachfrage hin erklärt Herr Dr. Driever, dass die Frage der Auswirkungen der Gewaltherrschaft auf das tägliche Leben und das Mitläufertum über die Informationen über die Akteure und Täter erfahrbar werde. Grundsätzlich gab es auch in Göttingen konkrete und erfahrbare Gewalt und das Mitläufertum sei die Basis jeder Diktatur.

Herr Dr. Böhme ergänzt, dass die Herrschaft der Nazis durch offene Gewalt aber auch als „Zustimmungsdiktatur“ funktionierte. Grundsätzlich begrüße er, verschiedene Orte zu einer Gesamtschau zusammen zuführen und „Leerstellen“ im Bereich der Opferforschung zu identifizieren. Grundsätzlich aber bedürfe die Optimierung/Verbesserung der Prozesse und Organisation einer professionellen Begleitung.

Auch verweise er auf den Prozesscharakter und dass sich vieles entwickeln müsse. So verweise er auf eine frühere Prüfung der Verstrickungen von Herrmann Rein, wonach er als „Mitläufer“ eingestuft wurde. Nunmehr gebe es neuere Forschungsergebnisse, die am 26.09.2018 im Städtischen Museum vorgestellt würden.

Bezüglich einer Erweiterung der zu ehrenden Opfergruppen verweise er auf eine Diskussion innerhalb der Arbeitsgruppe „Stolpersteine“, diese Form der Erinnerung auch auf nichtjüdische Opfergruppen auszudehnen. Darüber hinaus werde diskutiert, ob nicht auch ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Bürger durch „Stolpersteine“ geehrt werden sollten, bei denen keine Nachkommen oder Angehörige um Zustimmung gebeten werden könnten. Dies sei im Übrigen mit den Vorgaben des Künstlers Gunter Demnig vereinbar.    

Frau Bury erklärt, dass sie die in Göttingen praktizierte Form der Erinnerungskultur als vorbildlich ansehe. Darüber hinaus nehme sie die Anregung, auch nichtjüdische Opfer durch die „Stolpersteine“ ehren zu wollen, als Anregung mit in ihre Fraktion.

Auf ihre Nachfrage hin erklärt Herr Dr. Driever, dass er eine zentrale Koordination und kontinuierliche Begleitung als sehr wichtig ansehe.

Bezüglich der Frage des Städtischen Museums als zentralem Lernort führt Frau Broistedt aus, dass dieses nur ein vorstellbarer Ort sei. Darüber hinaus verweise sie auf die Stadtbibliothek, die VHS und die Göttinger Schulen. Sie verweise auch erneut darauf, dass sich durch die Diskussion mit den im Bereich Erinnerungskultur tätigen Gruppen und Personen noch Veränderungen bei den Priorisierungen ergeben könnten. Bezüglich der Koordinierung sei geplant, diese von vorhandenem Personal des Stadtarchivs wahrnehmen zu lassen. Hierbei seien keine „großen Sprünge“ zu erwarten, die im Falle der Zustimmung im Haushalt einzustellenden Mittel i. H. v. 10.000 Euro aber seien ein erster Schritt.

Herr Beck ergänzt, dass die Entwicklung einer Internetpräsenz in Zusammenarbeit mit dem Referat für Öffentlichkeitsarbeit erfolgen und zu gegebener Zeit auch Forschungsaufträge vergeben werden sollen. Wichtig sei, die Ergebnisse für Schüler und auch die Nachwelt nutzbar zu machen. Auch soll durch Verlegung weiterer QR-Steine die Stadtgeschichte erlebbarer gemacht werden.

Herr Harms erklärt, dass er sich mit dem Konzept „außerordentlich anfreunden“nne. Bezüglich der geplanten QR-Steine verweise er auf die Umbenennung der ehem. Heinrich-Sohnrey-Straße nach Else Bräutigam. Die Person und Vita Else Bräutigams, die beinahe ein Opfer des NS-Regimes geworden wäre, eigne sich in idealtypischerweise für einen QR-Stein.

Bezüglich der Orte für eine erfahrbare Erinnerungskultur erklärt Herr Harms weiterhin, dass das Städtische Museum am Standort Ritterplan für ihn ein erstrangiger Ort sei und die immer neuen Standortvorschge verwirrend seien.

In Bezug auf die Verlegung der sog. „Stolpersteine“ mahne er an, die Bedenken der orthodoxen/konservativen jüdischen Gruppen nicht außer Acht zu lassen. Grundsätzlich stelle sich für ihn die Frage, ob es nicht andere Formen des Gedenkens als die Verlegung von „Stolpersteinen“ gebe.

Herr Dr. Böhme entgegnet, dass die Bedenken der orthodoxen/konservativendischen Gruppen grundsätzlich sehr ernst genommen würden. Bezüglich der Ausweitung auf Personen jüdischen Glaubens, bei denen keine Angehörigen mehr gefragt werden können merkt Herr Dr. Böhme an, dass diesen aufgrund des derzeitigen Verfahrens keine Ehrung durch eine Verlegung von „Stolpersteinen“ zuteil werden könne.  

Herr Arndt begrüßt die Idee, eine andere Form der Ehrung als eine Verlegung von „Stolpersteinen“ zu wählen. Zur Aussage von Herrn Harms, immer neue Standortvorschläge für das Städtische Museum seien verwirrend erklärt Herr Arndt, dass sich die SPD-Ratsfraktion seit Jahren Gedanken übergliche Standorte mache.              

Auf die Bemerkung von Frau Güntzler, den mehrheitlich gefassten Beschluss des Rates zu akzeptieren entgegnet er, dass dieser seine Fraktion nicht daran hindere, neu zu denken.

Frau Broistedthrt abschließend aus, dass die Verwaltung dem Beschluss des Rates folge und, wie aktuell bei dem Antrag auf Mittel aus dem Bundesprogramm „Sanierung Sport-, Jugend- und Kultureinrichtungen“, eine Akquisition von Drittmitteln betreibe. Grundsätzlich gebe es in Bezug auf die Standortdiskussion des Städtischen Museums auch andere Meinungen, die auch nach dem Beschluss noch thematisiert würden. In diesem Zusammenhang verweise sie auf die immer wieder aufkommende Diskussion zu dem mit Ratsmehrheit beschlossenen Bau des Kunsthauses. Dies gehöre für sie zu einer demokratischen Kultur.

Anschließend beschließt der Ausschuss für Kultur und Wissenschaft einstimmig die Vorlage der Verwaltung.

 
 

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